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Informationen
ADHD aus Sicht der Angehörigen
Beobachtungen, Probleme, Schuldgefühle
Cordula Neuhaus, Dipl.-Psychologin, Esslingen
Aus dem Sonderheft „Unaufmerksam und
hyperaktiv“ der Zeitschrift „Kinderärztliche Praxis“, Jan./2001
Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft Sozialpädiatrie und Jugendmedizin
Mit freundlicher Genehmigung von Kichheim-Verlag Mainz

Zusammenfassung
Aktueller denn je gerade bei der Diskussion um ADHD als „Modediagnose" oder „erfundene Krankheit, um Methylphenidat
(Ritalin®) vermarkten zu können", ist eine profunde Störungsbildkenntnis für Fachleute wichtig.
Eltern stolpern über die unzähligen Eigenheiten dieser Kinder. Alles muss immer anders sein oder anders gemacht werden.
Die typischen „harten Kriterien" außerhalb der Kriterienkataloge ICD 10 und DSM IV unterscheiden Kinder/ Jugendliche mit ADHD eindeutig von reaktiv unruhigen Kindern.
Schlüsselwörter: Eltern, Angehörige, Beobachtungen, Probleme, Schuldgefühle. |

Von zappelig bis total konzentriert
Weit verbreitetet ist die Annahme, dass Eltern von Kindern mit ADHD ein durchgehendes Muster von Zappeligkeit, ständiger Abgelenktheit und ständigem impulsivem Wechsel der Beschäftigung sehen.
Im Gegensatz dazu kennen Eltern durchaus Situationen, in denen ihre Kinder weitgehend bis völlig unauffällig sind.
Ist ein Kind oder ein Jugendlicher mit ADHD wirklich motiviert für eine Sache oder eine Person, weil diese faszinierend neu oder spannend ist, reduziert sich die motorische Unruhe oder verschwindet.
Das Kind ist fokussiert und möglicherweise sogar so konzentriert, dass die Welt rundherum zu versinken scheint.
Ist jedoch etwas nicht so interessant oder wird subjektiv schwierig eingeschätzt, kann das gleiche Kind der gleiche Jugendliche schlagartig ermüden bis hin zum Augenreiben und Gähnen, sich räkeln oder stereotyp an sich herummanipulieren, was wie Selbststimulation aussehen kann.
Ein Hauptproblem sind die heftigen Stimmungsschwankungen mit regelrechtem „Gefühlsabsturz" aus geringsten Anlässen heraus. Beim Syndrom der Extreme ist ein solches Kind „total begeistert, stinksauer, sturzbeleidigt"
nur alles dazwischen gibt es nicht.
Bei plötzlichen Veränderungen oder fremderzeugter Hektik erfolgt Bocken und Blocken mit unerklärlich heftiger
Abwehr und größten Schwierigkeiten im Umgang mit „Übergängen", z. B. Pause - Unterricht, Spiel - Hausaufgaben.
Eltern sind oft verzweifelt, weil sie das Gefühl haben, sie kommen irgendwie an das Kind nicht richtig heran, da es über sich und seine Gefühle meist erst jenseits des 16. Lebensjahres wirklich berichten kann.
Zur Verzweiflung treibt, dass die Kinder und Jugendlichen sich und ihre Eigenleistung nicht realistisch einschätzen können, schlecht oder gar nicht aus Erfahrung lernen können.
Direkt nach einer Situation können sie in aller Regel nicht viel berichten, stundenversetzt danach hingegen oft
flüssig und detailliert. Einsicht, Rücksicht, Übersicht und Nachsicht scheinen noch lange im Leben eines solches Kindes/Jugendlichen Fremdwort zu sein, genauso wie unbekannt erscheint, dass man doch, um eine Fertigkeit zu erwerben, üben muss und nicht schon alles „können" kann.
Wenn sich ein Kind mit ADHD aufregt und man es mit Worten zu beruhigen versucht, erzielt man in aller Regel das Gegenteil das Kind wird immer erregter. Sätze, die mit „du musst..." oder „du sollst..." beginnen, führen nur zur Opposition.
Die Kinder sind entscheidungsschwach, entscheiden sich entweder nicht oder sehr spontan - das Einteilen von Geld gelingt nicht. Entweder es „brennt" in der Tasche, oder man sitzt drauf.
Nicht nur das Trödeln bei stereotypen Umsetzungsverrichtungen ist ein Problem, sondern dass es offensichtlich sehr lange dauert, bis eine Regel überhaupt gelernt wird (nach Sam Goldstein '98 brauchen Kinder und Jugendliche mit
ADHD die 8- bis 18fache Zeit zur Verautomatisierung einer Regel).
Unerklärlich scheint, warum ein solches Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen einfach irgendwie immer deutlich jünger erscheint in seiner ganzen Art, trotz oft völlig unauffälligem sonstigem Heranreifen; wenngleich Jungen mit ADHD
häufig erst spät in die Pubertät kommen und dann auch erst sehr spät zu wachsen beginnen.
Die Art der Kommunikationsaufnahme, offen und direkt, mit zum Teil problematischen Verbalisationen
(nicht selten fäkalsprachlich und sexistisch geprägt) führt zur Verzweiflung und auch Beschämung.
Kollisionen sind unausweichlich, wenn ein solches Kind sich schon rechtfertigt, bevor Kritik vollständig geäußert worden ist, es immer das letzte Wort haben will, vom Hundertsten ins Abertausendste gerät.
Entsprechend ist Anecken unausweichlich, egal wo, vor allen Dingen auch in der Gruppe der Gleichaltrigen,
in der die meisten Kinder und Jugendlichen mit ADHD eher Außenseiter sind.
Nicht nur „Defekte"
Eltern kennen aber auch andere Seiten: einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, nicht nur für sich, sondern auch für andere, eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft beim Erkennen der Hilfsbedürftigkeit von einem Gegenüber, eine interessierte Offenheit, einen oft verblüffend guten Orientierungssinn, ein „Elefantengedächtnis" für Kleinigkeiten aus der Vergangenheit (in Abhängigkeit von der Motivationslage), eine ausgeprägte Liebe für Tiere und Natur, oft verblüffende Kreativität und nicht selten ein schauspielerisches Naturtalent. Gearbeitet wird gern „mit der Hand am Arm" diese Art die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren besteht erfreulicherweise nicht nur aus „Defekten".
Fragt man genauer nach, zeigt sich, dass ADHD offensichtlich eine Dysregulation aller autonomen Selbststeuerungsfunktionen ist:
Erwieseneinermaßen besteht eine andersartige Schlafarchitektur: Kleine Kinder wachen oft früh auf,
und haben dann tausend Ideen im Kopf, die sie auch sofort umsetzen.
Sie stellen häufig schon sehr früh den Mittagsschlaf ab. Schulkinder kommen morgens schlecht aus dem Bett
(in Abhängigkeit von der Motivationslage zur Schule?) und kommen abends ewig nicht in den Schlaf.
Wenn sie schlafen, schlafen sie sehr tief aber unruhig, sind oft noch nicht einmal weckbar durch die volle Blase;
Enuresis nocturna ist hochcomorbid mit ADHD.
Viele sprechen und schreien im Schlaf; Pavor nocturnus findet sich häufig, ebenso Schlafwandeln.
Die Thermoregulation ist anders: Im Winter rennt das Kind am liebsten mit einem
T-Shirt herum. Im Sommer zieht es aus „unerfindlichen Gründen" den Pulli nicht aus.
Die Hausschuhe werden nicht angezogen, aber nicht etwa, weil man „zu faul" dazu ist,
sondern weil man einfach heiße Füße hat. Viele der Kinder schwitzen sehr leicht, vor allen Dingen auch nachts.
Das Bedürfnis nach Nahrung ist zeitweise unendlich groß, dann wieder gar nicht vorhanden.
Diese Kinder haben höchst eigenwillige Vorlieben: phasenweise für ei n und dieselbe Speise, die plötzlich aus unerfindlichem Grund dann überhaupt nicht mehr schmeckt. Als kleine Kinder trinken sie oft große Mengen,
vergessen aber oft das Trinken, wenn sie älter sind.
Die Nähe-Distanz-Regulierung ist eigenwillig: Auf Körperkontakt eingestellt, geht Schmusen gut - wenn nicht,
dann nicht.
Viele sind als kleine Kinder „Non-Cuddler", sitzen mit 12 und 13 aber gerne noch stundenlang auf dem Schoß und lassen sich am liebsten den Rücken kraulen im Babyalter wird die Abwehr von Körperkontakt nicht selten als „taktile Abwehr" interpretiert und fatalerweise nicht nur durch sensorische Integrationsbehandlung, sondern auch durch „Festhaltetherapie" behandelt.
Viele Kinder scheinen auch einfach „anders" zu atmen: Sie halten in Abhängigkeit vom Spannungsgrad oft lange einfach den Atem an.
Die
Schmerzempfindung scheint ebenfalls „eigenwillig": Bei selbst zugefügten Verletzungen, selbst Schnittverletzungen, wird oft gar nicht darauf geachtet, blaue Flecke erscheinen „unerklärlich".
Kommt allerdings eine Injektionsnadel auf ein solches Kind oder einen solchen Jugendlichen zu, kann dies zu heftigsten Panikattacken führen, wobei die Kinder Bärenkräfte bei der
Abwehr entwickeln.
Schule und Familie
Kummer bringt den Kindern und ihren Eltern das syndromtypische mangelhafte
Dosieren können grober Kraft, speziell in der graphomotorischen Umsetzung, bei in aller Regel verzögerter Feinmotorikentwicklung.
Obwohl ADHD-Kinder später dann beim Basteln oft sehr geschickt sind, bleibt die Schrift vor allen Dingen
bei schnellem Schreiben krakelig (mit und ohne ergotherapeutische Behandlung).
In unserem schwierigen Schulsystem in Deutschland mit immer wieder neuen Methoden zum Lese-, Schreib-und Rechenerwerb entstehen früh,, Legasthenien" im Zusammenhang mit diesem Umsetzungsproblem und dem syndromtypischen oberflächlich abtastend überhüpfenden Wahrnehmungsstil.
Eine Aufgabe wird kurz angeschaut und dann wird drauflos geraten. Viele Kinder mit ADHD bleiben in der schriftlichen Schulleistung hinter ihren Intelligenzressourcen zurück. Oft klafft eine deutliche Lücke zwischen mündlicher Mitarbeitsleistung und schriftlicher Umsetzung.
Bei den expansiv auffälligen Kindern kommt das mangelhafte Einschätzen können der Gefahr belastend dazu mit häufigen Unfällen und Liebe zum Hochrisiko sowie der Geschwindigkeit. „Syndromtypisch" können die Kinder in aller Regel blitzschnell reagieren und haben offensichtlich viele Schutzengel.
Kummer entsteht mit der Desorganisation der Kinder und Jugendlichen, dem Aufschieben von Unangenehmem bis
zum letzten Moment, dem zunehmenden Schwindeln, dem Vermeiden, „Tricksen".
Bei der hohen familiären Häufung und der immer wahrscheinlicheren genetischen Ursache von ADHD kennen
viele selbstbetroffene Elternteile die Symptome von sich selbst. Sie wollen ihren Kindern gern eigenerfahrenen Kummer ersparen, haben aber leider
Kommunikationsstrukturen, unter denen sie selbst schon gelitten haben, bei einfach mangelhaft heranreifender „automatischer" Verhaltenskontrolle, bedingt durch die eingeschränkten Funktionen der „Executive Functions".
Es entsteht keine „automatische Verhaltenskontrolle"
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Der nonverbale Arbeitsspeicher bleibt zu klein. Ein unbewusstes Vergleichen mit Altdaten aus dem Langzeitspeicher erfolgt mangelhaft. Daher können die Kinder nur unzureichend „aus Erfahrungen lernen".
Das „Zeitfenster" bleibt im Hier und Jetzt, ein Zeitgefühl entsteht nicht. |
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Sprache wird nicht verinnerlicht, planvoll zielgerichtetes Arbeitsverhalten ist
erschwert. |
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Die Gefühle werden im Laufe der Entwicklung nicht gedämpft vom Frontalhirn. Motivation ist Emotion:
entweder vorhanden oder nicht. |
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Nach Gedankenanalyse ist Resynthese erschwert, weil „der Faden verloren wird". |
Sie monologisieren, etikettieren, benutzen gerne Extrembezeichnungen wie „immer", „ständig", „nie", verfallen schnell in einen schulmeisternden Ton, unterbrechen das Gegenüber, wollen ihrerseits auch gern das letzte Wort haben.
Da alle Menschen mit ADHD hypersensibel auf den falschen Tonfall, schwierige Mimik oder Gestik reagieren, ist der Konflikt vorprogrammiert. Die Kommunikation ist belastet durch die Hypersensibilität auf der aufnehmenden Ebene und die
Impulssteuerungsschwäche auf der Umsetzungsebene.
Auch die verträumten „Chaos-Prinzessinnen und -Prinzen" haben dieses Problem.
Noch lange in ihrem Leben können Kinder und Jugendliche und auch viele Erwachsene nicht die Perspektive wechseln, was bei einer normgesteuerten Person mit spätestens 12 Jahren möglich ist.
Alles wird nur aus der eigenen Sicht gesehen und beurteilt. Daneben besteht die Wahrnehmung, alles genauso machen zu können wie das Gegenüber, bei viel zu kurzem Realitätsabgleich und mangelnder Selbstüberwachung.
Der Konflikt ist vorprogrammiert- aber nicht nur in der Herkunftsfamilie, sondern sehr wohl auch in der Pflege- oder Adoptivfamilie. (Viele Kinder mit ADHD wachsen nicht in ihrer Familie auf!)
Eltern hören oft Vorwürfe und Erziehungstips
Schwierige Kommunikationsmuster und Verhaltensweisen werden von außen beobachtet und natürlich beurteilt:
Viele Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ADHD können ein langes Lied singen von den vielen Vorhaltungen, die sie schon bekommen haben. Sie werden bezichtigt, eine schlechte Beziehung zu ihrem Kind oder Ehekonflikte zu haben. Mütter bekommen oft vorgeworfen, das Kind vor der Geburt unbewusst schon abgelehnt zu haben.
Sie suchen sich Hilfe, bekommen gutgemeinte Erziehungstips, müssen aber oft erkennen, daß dies überhaupt nicht fruchtet oder daß sie in den Beschreibungen der Fachleute ihre Kinder gar nicht wiedererkennen.
Die Verhaltensanalyse ist eigentlich immer dieselbe: Das nicht angepaßte Verhalten der Kinder und Jugendlichen in allen möglichen Umfeldsituationen im Lernleistungsbereich sowie im sozialen Bereich wird schnell zur aufrechterhaltenden Bedingung für immer wieder andersartige, in homogene Erziehungsversuche durch die Eltern und durch das Umfeld.
Dies verschärft sich heute ganz besonders dadurch, daß im Kindergarten und in der Schule immer mehr sehr früh einsetzende Selbständigkeit und Eigenregulation gefordert werden. Die Kinder sind selbst nicht in der Lage, sich zu strukturieren, bleiben noch lange in ihrem Leben nur extrinsisch motivierbar und trudeln nicht selten von einem Mißerfolg in den nächsten.
Die Tatsachen, daß sich die Kinder im gesamten Umfeld nicht einschätzen können und die äußerlichen Reize im Alltag weiter zunehmen, wird zur aufrechterhaltenden Bedingung für die Kinder und Jugendlichen mit ADHD, sich immer weniger autonomisieren zu können, immer unsicherer zu werden und immer früher sekundär erheblich zu erkranken.
Es kommt zu depressiven Verstimmungen bis hin zu Äußerungen von Suizidabsichten, dem Wunsch, ausziehen zu wollen, Prüfungsangst und hintergründig ganz früh entstehender Verlust- und Existenzangst.
Die Vorhaltungen des Umfeldes lösen bei allen Eltern intermittierend heftige Schuldgefühle aus und beim hypersensiblen selbst betroffenen Elternteil häufig hochimpulsive Kompensationsversuche - der Teufelskreis ist programmiert.
Wünschenswert ist daher eine profunde Kenntnis des Störungsbildes mit entsprechender solider Aufklärung und Erklärung sowie kompetenten multimodalen Behandlungsansätzen (vgl. Beitrag Steinhausen, S. 28)
Das Wichtigste für die Praxis . . .
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Je besser der diagnostizierende Arzt/Psychologe Eltern zuhört, hinterfragt und dabei nicht nur die „Defekte" sieht, desto besser fühlen sich Eltern und Betroffene verstanden. Das erhöht sofort die
Compliance. |
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„Syndromtypisch" sind auch: ausgeprägte Hilfsbereitschaft bei Erkennen von Not, Gerechtigkeitssinn, interessierte Offenheit, Kreativität und vieles mehr. Leider gesellen sich vielfältige Begleiterscheinungen dazu. |
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Sehr sorgfältige Diagnosestellung auf allen 6 Achsen des multiaxialen
Klassifikationsschemas psychischer Störungen, und – so gut wie möglich multimodaler
Behandlungsansatz, nutzt Kindern und Eltern wirklich. |
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